Was macht den Reiz der Alten Meister aus? Warum beschäftigen sich Generationen von Künstlern und Kunsthistorikern immer aufs Neue mit den Werken von Rembrandt, Rubens, Vermeer, Dürer, Caravaggio, Velasquez um nur einige wenige zu nennen? Weil diese Werke uns auch nach Jahrhunderten immer noch etwas zu sagen haben, weil sie Spiegelbilder ihrer Zeit und darüberhinaus zeitlos schön sind, weil die Zeichen- Mal- und Radierkunst auf einem jahrtausendealten Grundwissen fußt, weil dieses Wissen erlernt und zu einer Kunstfertigkeit perfektioniert werden muss. Kunstfertigkeit kann bis zu einem gewissen Grade erlernt werden, dann paart sie sich mit Genius und Talent und lässt den Meister, den großen Künstler werden.

Die Auseinandersetzung mit den Alten Meistern zieht sich wie ein rotes Band durch das Werk des Künstlers Erhard Schiel. Als Radierer und Kupferstecher hat er Zwiesprache mit Dürer gehalten, sich in dessen Werke vertieft, um für sich einen neuen Weg zu finden. Ähnlich verhält es sich mit der Ölmalerei, in der es Jan Vermeer van Delft zu einer einzigartigen Meisterschaft gebracht hat. Spätestens seit der Roman „Mädchen mit dem Perlohrring“ von Tracy Chevalier großartig filmisch umgesetzt wurde, kennt auch der Kunstuninteressierte das wundervolle Mädchenporträt.

Dieses Porträt ist geheimnisvoll, birgt Fragen und fasziniert durch die dichte Farbigkeit Vermeers. Jeder Schatten, jede Nuance, die Schwere der Textur, die Langsamkeit, die Stille in Vermeers Bildern sind magisch und spürbar.

Schiel hat sich den Alten Meistern in der ihm eigenen Manier genähert, huldigt der Schönheit und schafft etwas Neues im Kontext unserer Zeit. Was der Künstler Schiel mit den Vorgaben macht, wie er sich annähert, umwandelt, interpretiert und sich schließlich löst, um ganz Eigenes zu schaffen – zeigt der neue Bilderzyklus.

 

Text: Dr. Constanze Wilken
Foto: Frank Andreas Busch